EST-CE UN HUMAIN / IST DAS EIN MENSCH

kainkollektiv / Compagnie Zora Snake / Njara Rasolomanana

Performance / Theater / Tanz
Freitag 19. Februar 2021 | 20.00 Uhr
Samstag 20. Februar 2021 | 20.00 Uhr
Kainkollektiv Mensch Herrwolke 02 Kopie

Zwischen der Geschichte der Sklaverei und der sich am Horizont ankündigenden Figur des Cyborg geht es darum, die Bedingungen des „Menschen“ noch einmal neu zu verhandeln – von den konkreten Geschichten der Einzelnen bis zum fantastischen (afro-)futuristischen Entwurf einer Zukunft, zwischen Geistern, Tieren, Pflanzen und Maschinen. kainkollektiv markieren mit Tänzer*innen, Performer*innen und Musiker*innen aus Kamerun, Madagaskar, Kongo und Deutschland einen notwendigen Riss in der Gegenwart, durch den der Mensch vielleicht neu zum Vorschein kommen mag.

Vorabgespräch mit Fabian Lettow (kainkollektiv) zum Stück

Ringlokschuppen: Wie kam es zu der Zusammenarbeit von so vielen verschiedenen Künstler*innen bei eurem neuen Stück?

Lettow: Wir arbeiten seit 2013 mit dem OTHNI Theater im Kamerun zusammen. Das OTHNI ist ein Labor für viele verschiedene Künster*nnen. Nicht nur Theater, sondern auch Tanz, bildende Kunst, Musik. Dort entstehen viele verschiedene Dinge. Wir haben Zora Snake - Choreograf, Tänzer und Festivalmacher aus Yaounde - dort kennengelernt, als er gerade für sich trainiert hat. Snake ist ein außergewöhnlicher Tänzer, der zeitgenössische Formen von Tanz mit Ritualformen aus kamerunischer Tradition und Hip Hop und Urban Street Art kombiniert. Als wir dann 2018 für das Projekt „Interesting Times“ noch einen Tänzer suchten, haben wir an ihn gedacht. Über diese Zusammenarbeit haben wir uns dann näher kennengelernt und haben für „Ist das ein Mensch“ Lust gehabt, miteinander zu kooperieren.

Das Stück heißt „Ist das ein Mensch?“. Wieso ist es gegenwärtig wichtig, neu zu verhandeln, was ein Mensch ist?

Aus der Perspektive afrikanischer Menschen ist die Frage wesentlich. Mit der Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus gibt es seit mehreren hundert Jahren Menschen, denen das Mensch-sein abgesprochen worden ist. Also „Nicht-menschliche-Menschen“. Es gibt also Menschen auf diesem Planeten, die deswegen nicht selbstverständlich sagen können, dass sie einen Platz darauf haben. Weil ihnen aberkannt wird, ein Mensch zu sein. Das gilt für viele von Rassismus betroffene Menschen oder auch für Menschen, die zum Beispiel zur Nachfolgegeneration der von Sklaverei Betroffenen gehören. Und Sklaven waren eben total enteignet: selbst für sich in Anspruch nehmen zu können, ein Mensch zu sein, war nicht möglich. Sobald die Menschen in Bimbia am Hafen zur Zeit der Sklaverei durch das Tor gegangen sind, um verschifft zu werden, waren sie Null. Sie waren Niemand mehr. Auch als Nachfahre stellt sich die Frage, wie man mit dieser Erfahrung umgeht, dass menschliche Existenz als Nicht-Menschliches gewertet wird; dann entsteht in unserer Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen aus Kamerun und anderen afrikanischen Ländern, die diesmal beteiligt sind, eine Dringlichkeit danach zu fragen, was es mit dem Menschen auf sich hat. Wie kann man dazugehören nach einer solchen katastrophalen Erfahrung?

Und deine Perspektive?

Als weiße Akteure schreiben wir uns immer gerne die Menschenrechte auf die Fahnen, sagen: alle Menschen sind gleich, das ist aber nicht die Erfahrung, die unsere Partner aus Kamerun machen. Ich denke, die Frage nach dem Menschen gehört, wie zum Beispiel auch die Frage nach dem Klimawandel, zu den wesentlichen Fragen, ob die Gattung Mensch es schafft oder nicht. Und die Voraussetzung dafür ist, dass Menschen beginnen, sich überhaupt wieder als eine Gattung zu begreifen.

Was bedeutet Anthropozän in diesem Zusammenhang?

Die Erdgeschichte ist unterteilt in verschiedene Phasen, mit geologischen Namen. Die bezeichnen Eiszeiten, heiße Phasen und so weiter…. Holozän meint die Phase, in der wir seit elftausend Jahren mit dem Beginn der Landwirtschaft leben. Jetzt diskutiert man, ob wir nicht dabei sind, die Phase gewechselt zu haben und im Anthropozän leben. Das Zeitalter des Menschen. Das heißt, der Mensch ist auf der Erde mittlerweile ein Einflussfaktor, der so groß ist, dass man ihn in geologischen Gesteinsschichten überall nachweisen kann. Der Mensch ist so bestimmend geworden auf dem Planeten, dass er sogar zur Veränderung des Klimas beiträgt. Damit ist er für die Erde ein Faktor geworden, der so groß ist wie der Einschlag eines Asteroiden, der die Dinosaurier ausgelöscht hat. Er ist ein geologischer, klimatischer, die Erde als ganzer betreffender Faktor geworden. Deswegen diskutieren viele Wissenschaftler, ob wir uns nicht im Anthropozän befinden, dem Zeitalter, in dem immer und überall mit dem Menschen zu rechnen ist. Das Zeitalter, in dem man sogar in 10.000 Meter Tiefe auf dem Grund des Marianengrabens oder in den Tiefen hawaiianischer Vulkane noch eine Plastiktüte finden wird.

Das heißt, im Zeitalter des Menschen müssen wir den Menschen aber erstmal neu erfinden, um ein menschliches Miteinander und einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Planeten zu ermöglichen?

Genau. Während der Mensch auf eine Weise ein mächtiger, aber sicher auch katastrophaler, Faktor für die Erde geworden ist, hat die Menschheit von sich selbst als Ganzes kein Bewusstsein.

„EST-CE UN HUMAIN / IST DAS EIN MENSCH“ sucht einen „Riss in der Gegenwart“. Was kommt mit dem Riss zum Vorschein? Wir Europäer haben lange in einer Blase gelebt. Eingekapselt in einer Gegenwart, in der tendenziell alles gut und befriedet zu sein schien. Wir graben jetzt mit unseren kamerunischen Kolleg*innen seit fast 10 Jahren in verschiedenen Projekten an der Archäologie der verdrängten Kolonialgeschichte. Wenn man die Frage nach dem Menschen und dem Menschlichen stellt, lässt sich die historische Erbschaft nicht mehr verdrängen. Und das ist dann vielleicht der notwendige Riss, der es möglich macht, uns aus unseren Komfortzone rauszuholen.

kainkollektiv zum Stück:

Wir eröffnen einen unmöglichen Raum. Für eine unmögliche Frage, die zu stellen sich heute wieder aufdrängt. Schon wieder. Immer noch. Es ist der Raum eines groß angelegten Rituals. In dem die Körper außer sich geraten. In dem uns die Stimmen entgleiten. In den die Geister hineinfahren, um mit uns einen Totendialog zu eröffnen, der das Theater seit jeher gewesen ist. Ein Geräusch, ein Laut fährt in die Stille: in die Stille des Vergessens, die sich über unsere gemeinsame Geschichte legt wie ein Gift. Ist es ein Schrei? Der Beginn eines Gesangs? Ein menschlicher Laut?

Oder der einer Kreatur? Eines Roboters? Es ist nicht gleich zu sagen. Körper werden sichtbar, die sich in sich krümmen, sich aus sich herauswinden, als wären sie besessen. Gesichter, die aufreißen. Gliedmaßen, die unter Spasmen um Kontrolle ringen und sie sogleich wieder verlieren. Wie in einem Tanz mitten auf offener Straße, in den mit einem Mal die Erdgeister hineinfahren. Gerade noch gingen wir sorglos über den Asphalt, da bricht plötzlich der Boden unter den Füßen weg und eine zunächst namenlose Kraft lässt uns stolpern, taumeln, stürzen. Doch statt uns dagegen zu wehren und uns gewaltsam von den fremden Kräften loszureißen, um uns in die Ordnung unserer scheinbar heilen Realität zurück zu manövrieren, lassen wir es einfach geschehen. Lassen uns gehen. Nehmen den plötzlichen Schwindel als eine Möglichkeit der Befreiung an.

Der Befreiung vom falschen Schweigen, den falschen Fassaden, mit denen wir unsere Realität panzern und unsere Komfortzonen ausstaffieren. Denn wir sind eingeladen: zu einem Ritual, das uns uns näher bringen wird, indem es uns aus unserer eigenen Sicherheitszone herausreißt. Hinein in die Gefahr der Selbst-Entäußerung, die aber vielleicht Heilung mit sich bringt. Ein Strudel, der uns an die Ränder treibt. Die Ränder unserer Selbst ebenso wie an die Ränder dessen, was uns umgibt – die historischen und futuristischen Landschaften, die wir erst wieder bewohnen können, wenn wir uns aus der Selbstvergessenheit der Gegenwart befreien,aus ihr aussteigen.

Einen solchen Ausstieg wollen wir unternehmen. Wir laden dazu ein, sich schonungslos einer Frage auszusetzen, die auf wundersame Weise die Erfahrung der Gewalt der Kolonialgeschichte und des Faschismus mit den fantastischen Möglichkeitsentwürfen von Science Fiction Phantasien, in denen Aliens und Cyborgs die Geschichte schreiben, zusammenbringt: der Frage IST DAS EIN MENSCH? Für diese Frage, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen wird, wollen kainkollektiv(Deutschland), Compagnie Zora Snake (Kamerun) & Njara Rasolomanana (Madagaskar) einen Raum eröffnen, in den wir alle einladen, die den Tanz über Abgründen nicht scheuen. Es geht darum, die Gewissheiten zu verabschieden und den Abgrund der Geschichte(n), die uns unweigerlich voneinander trennen und uns ebenso unweigerlich miteinander verbinden, in unserer Lebenswirklichkeit Einzug halten zu lassen.

Besetzung

Kreation von und mit: Zora Snake Raoul, Abdoulaye Abdoul Oumate, Wilfried Lekemo Nakeu, Valery Ebouele, Fany Abega Apke Clementine, Nicolas Fionel Moumbounou, Mariette Nancy Nko, Armin Leoni, Michael Wolke, Alexandra Tivig, Sebastian Radermacher, Rasmus Nordholt-Frieling, Michael Bohn, Florian Lauss, Edith Nana Voges, Catherine Jodoin, Pélagie Alima, Calvin Yugye, Njara Rasolomanana, Patrick Ravelomanantsoa, Mirjam Schmuck & Fabian Lettow (kainkollektiv)

Snake 01 Gruppe

Die drei Kollektive

Kainkollektiv sind neben Mirjam Schmuck und Fabian Lettow zahlreiche weiter Künstler*innen. Gemeinsam schreiben und inszenieren sie doku-fiktionale Texte und Szenarien, die häufig auf thematischen und ortsspezifischen Recherchen beruhen. Ihre Theaterarbeit, die im Sinne der kainkollektiv-Arbeitsweise stets in Korrespondenz und Kollaboration mit unterschiedlichen Künsten, Künstler*innen, Orten und Medien sowie im Aufsuchen und Weiterspinnen von Spuren, Narrativen und Hinterlassenschaften der jeweiligen Geschichten und Geografien der Projektkontexte entsteht, verstehen sie als ein „Theater der Zeitgenossenschaft“.

Compagnie Zora Snake: Raoul Zobel Tejeutsa alias Snake, geboren im Jahr 1990, begann als mehrfacher Preisträger von HipHop-Wettbewerben seine bemerkenswerte künstlerische Karriere als Tänzer und Performance Künstler. In seinen Arbeiten setzt er sich mit dem postkolonialen afrikanischen Körper auseinander. Snake beschäftigt sich ebenso mit traditionellen Riten wie mit zeitgenössischen performativen Formen und appelliert damit ebenso an ein politisches Bewusstsein, das er durch die emotionale Kraft seiner Darbietungen in seinem psychologischen Kern zu treffen vermag.

Njara Rasolomanana verfügt über 20 Jahre Erfahrung im internationalen Kunstprojektmanagement, darunter eine Europa-Afrika-Tournee in den Jahren 2000-2006, bei der sie die tansanische Nationalmannschaft zu den afrikanischen Straßentanzmeisterschaften 2011 führte, sowie die künstlerische Leitung von Danceteam International Oy in Finnland für 5 Jahre in den Jahren 2013-2018. Njara, der ursprünglich aus Madagaskar stammt und in Finnland ansässig ist, hat viele Projekte mit internationalen Partnern und Institutionen weltweit durchgeführt.

Eintritt 15 € / erm. 8 € / Gruppe 6 €

Ort Ringlokschuppen | Am Schloß Broich 38 | 45479 Mülheim an der Ruhr

Eine Koproduktion von

Gefördert durch

Internationaler Koproduktionsfonds des Goethe Instituts