HEALING ACROSS IMAGINATIVE SPACES
Berlin 1884–Mülheim 2024
16:00-16:15 | Eröffnung | Nora Amin
Keynote zur Einordnung des Projekts und zum Thema „Berlin 1884 - Mülheim an der Ruhr 2024: Deutsches Kolonialerbe damals und heute“
Nora Amin ist Choreografin, Tänzerin, Theaterregisseurin, Autorin und Wissenschaftlerin. Sie gründete die Lamusica Independent Theatre Group in Ägypten (2000), wo sie 54 Tanz-, Theater- und Musikstücke choreografierte, inszenierte und produzierte. Im Jahr 2011 gründete sie das landesweite ägyptische Projekt für das Theater der Unterdrückten und dessen arabisches Netzwerk. Seit 2015 wohnt sie in Berlin. Sie ist seit 2018 Dozentin für Tanzworkshops u.a. bei Tanzfabrik, Berlin Mondiale und Sasha Waltz & Guests. Sie ist Expertin/Beraterin beim LAFT, ehemalige Mentorin des MENA-Ausbildungsprogramms des Goethe-Instituts und Vorstandsmitglied des German Center of the International Theater Institute. Sie hat an der Universität Hildesheim im Bereich Darstellende Künste und Kulturpolitik promoviert.
16:15-16:35 | Interaktive Performance | 3 Brüder | Raphael Moussa Hillebrand
Der Nationalsozialismus formte, stählte und verbog sie. Je größer die zeitliche Distanz, desto leichter ist es, Entscheidungen und Fehler vergangener Generationen zu verurteilen, aber es ist schwieriger, daraus für sich selbst Rückschlüsse zu ziehen.
Der Choreograf und Tänzer Raphael Hillebrand greift auf eine Geschichte zur Zeit des NS-Regime zurück. Können wir uns noch darauf beziehen? Und wenn ja: welche Bedeutung hat diese Geschichte in unserem heutigen Leben? Er erzählt diese Geschichte mit Leidenschaft und allen Geometrien des HipHop, formt Arme zum Gewehr, Geschütz, Gefreiten. Jedem der Brüder gibt er einen Charakter, lässt deren selbsterwählte Tapferkeit an einem fremderzeugten Feind kollabieren.
Das ist, auch im HipHop, ein seltenes
Ereignis: dass einer spricht während er tanzt, während er im Salto
rückwärts die Heimkehr aus der Gefangenschaft beschreibt.
Konzeption, Choreographie & Performance: Raphael Hillebrand
Dramaturgie: Catherine Umbdenstock
Koproduktion: Parc de la Vilette (WIP Vilette)
PREMIERE: Schauspielhaus Bochum & La Vilette Paris, 2012
17:00-18:15 | Vortrag: Spaltungen und Teilungen. Mit Frantz Fanon und Victor Klemperer zur Frage der Solidarität | Dr. Leon Gabriel
Die Berliner Konferenz 1884 nahm eine gigantische und folgenschwere Aufteilung des afrikanischen Kontinents unter den europäischen Kolonialmächten vor, deren Auswirkungen bis heute fortleben und sich nicht zuletzt auf Körper und Beziehungen auswirken. Der Vortrag nimmt dies zum Anlass, den erst einmal unscheinbar wirkenden Begriff der „Teilungen“ zu untersuchen: Was sind problematische Formen des Geteilt-Seins? Was wäre ein produktives, gar emanzipatorisches Verständnis von Teilung, das auch solidarische Räume eröffnen kann? Dafür werden zunächst Formen von Spaltung, Selbstentfremdung und Dissoziation aufgezeigt, wie sie vor allem der Schwarze französische Arzt und antikoloniale Befreiungskämpfer Frantz Fanon untersucht hat. Anhand der Analyse der Sprache des Nationalsozialismus durch den jüdischen Wissenschaftler Victor Klemperer wird dann verdeutlicht, wie Emotionen uns teilen, was zwar in der Tat gefährliche Abspaltungen erzeugen kann, aber ebenso auch potenzielle Verbindungslinien schaffen kann. Daran schließt wiederum Fanons Ansatz eines radikalen Humanismus an, der ein geteiltes, aber dennoch verbundenes Sein beinhaltet. Letztlich bedeutet das, Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten.
Leon Gabriel ist Juniorprofessor für Theaterwissenschaft mit Schwerpunkt transnationales Theater an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Darstellungspolitiken, Räumliche Künste, Transnationales und Postkoloniales Theater bzw. Dekolonisierung von Theater, Dramaturgien und künstlerische Arbeitsweisen, unter anderem im Rahmen des Forschungsprojekts "Dramaturgien im Zeichen der Gewalt. Transnationales Theater zwischen Globalem Süden und Norden" (Projektwebsite: www.dramaturgies-afterlife.de) . Monografie: Bühnen der Altermundialität. Vom Bild der Welt zur räumlichen Theaterpraxis (Neofelis, Berlin 2021).
18:30-20:00 | Panel: Kunst als Medium der Veränderung und Transformation
mit Raphael Moussa Hillebrand und Pasquale Virginie Rotter
Pasquale Virginie Rotter (keine Pronomen/Pas) ist ganzheitliche Vermittler*in, Somatic Coach, Körper-Geist-Heilperson, Mediator*in und Autor*in. Pas arbeitet an den Schnittpunkten von Körper, Bewegung, Aktivismus, Trauma, Heilung und Gemeinschaft und liebt es, Raum zu schaffen, um körperliche, emotionale, mentale und spirituelle Unterdrückung zu überwinden. In den letzten 15 Jahren hat Pas verschiedene Ansätze und Modalitäten entwickelt, um Gruppen und Einzelpersonen in ganzheitlichen Transformations-, Befreiungs- und Heilungsprozessen zu begleiten.
Der Choreograf, Tänzer, Kurator, Speaker und Aktivist Raphael Moussa Hillebrand wurde 1982 in Hongkong geboren. Verwurzelt in Deutschland und Westafrika, aufgewachsen in Berlin und ausgebildet durch Hip Hop, schloss er im Juni 2014 sein Masterstudium Choreografie an der Universität der Künste - HZT Berlin ab. Seine künstlerische Arbeit ist eine Fusion von Körper und Sprache, eine kreative Reise durch dekoloniale Erzählungen, die das Publikum dazu einlädt, über festgefahrene Denkmuster nachzudenken. Als Ideengeber und Gründungsmitglied der weltweit ersten Hip-Hop Partei: Die Urbane, setzt er sich u.a. für Dekolonialisierung sowie Empowerment und kulturelle Vielfalt ein. Mit seinem Charme und seiner Offenheit ist Hillebrand ein Künstler durch und durch, der erkennt, dass der Körper ein Motor ist, um die soziale Unwucht in unserer Gesellschaft mutig zu überwinden. Im Jahr 2020 wurde er vom Deutschen Tanzpreis für seine herausragenden künstlerischen Entwicklungen im Tanz geehrt.
20:30 | Performance: WOUND | Nora Amin
Ein transformatives Tanzritual von Nora Amin
Sprache: Gesprochener und projizierter Text in verschiedenen Sprachen - Deutsch, Englisch, Arabisch, Französisch, Spanisch
I have a wound
A wound is what I got
Deep within the fabric of my cells Deep down Carving a hole
Across layers of geological flesh Scars
To mother earth
Nicht nur der Planet Erde, sein Boden und seine Natur tragen Narben
der Ausbeutung, auch unsere menschliche Seele trägt sie. WOUND ist ein
Tanzritual, ein Angebot, sich gemeinsam den Verletzungen zuzuwenden und
sich zur kollektiven Trauer zu vergemeinschaften. Können wir uns mit der
Vergangenheit versöhnen? Wie lässt sich die schmerzvolle Gegenwart
anerkennen und welche menschlichen Verbindungen haben eine Zukunft?
Das
Ritual deckt die Gräueltaten auf, die sich die Menschheit im Laufe der
Geschichte angetan hat und kann als Akt des Gedenkens an all jene
gesehen werden, die in den letzten Jahren zu Tode gekommen sind. Wir
schauen auf unsere Wunden.
Text, künstlerische Leitung, Choreographie & Performance: Nora Amin
Musik Ko-Komposition & Szenografie: Ehab Abdellatif & Nora Amin
Kalligraphie: Ehab Abdellatif
Eine Produktion von Nora Amin