Moving Borders

Diverse Künstler*innen

Performance / Theater / Tanz

Info: Sommer 2021

Moving Borders ist eine Kooperation sieben europäischer Produktionshäuser, Festivals und öffentlicher Institutionen im Bereich der perfomativen Künste. Während einer Projektdauer von zwei Jahren wird in den sieben europäischen Städten Athen, Mülheim an der Ruhr, Porto, Straßburg, Utrecht, Warschau und Dresden ein künstlerisches Konzept - ARK des britischen Ensembles Quarantine, das aus Künstler*innen und Produzent*innen besteht - jeweils in einer eigenen Fassung vor Ort entwickelt. Gemeinsam mit lokalen Künstler*innen und Bürger*innen, und adaptiert an die spezifischen demografischen, historischen, kulturellen und sozialen Gegebenheiten der unterschiedlichen Städte, baut Quarantine, physisch oder mataphorisch, eine Arche, die Raum für Veranstaltungen und Begegnungen zwischen Menschen bietet.

Das partizipative Gemeinschaftsprojekt untersucht den Begriff der Grenzen und deren Manifestationen in unseren heutigen europäischen Gesellschaften. Das Projekt möchte das Phänomen von Grenzen, die uns im alltäglichen Leben begegnen, zum Thema machen: Als ein trennendes Element, das Menschen davon abhalten kann, aufeinander zuzugehen und Ungleichheiten fördert, aber auch als eine konstitutive Basis für gelingende diverse Gemeinschaften, in denen gegenseitiger Respekt und Anerkennung erst durch bestimmte Grenzziehungen möglich wird – und seien es die Grenzen des Sagbaren. Gerade in einer Zeit des gefährlichen Wiederauflebens von nationalistischen und fremdenfeindlichen Tendenzen in Europa und von zunehmender ökonomischer Ungleichheit möchte die Arche ein positives Signal für vielfältige Formen des Miteinanders setzen.

Die Vorbereitungen für das Langzeitprojekt haben nun in allen Städten begonnen und führen in die nächste Phase der Laboratorien und Workshops im Herbst 2020. Im Frühjahr und Sommer 2021 werden sieben verschiedene Städte-Versionen der Arche erarbeitet und präsentiert. Die Arche Dresden findet im Juni 2021 statt.

Über Quarantine

Quarantine wurde 1998 durch die Regisseur*innen Richard Gregory und Renny O‘Shea und den Designer Simon Banham in Manchester (GB) gegründet. Sie arbeiten weltweit im Bereich Theater, Performance und öffentliche Intervention. In den letzten 20 Jahren haben sie sowohl klassische Aufführungssituationen für die Bühne entwickelt als auch so unterschiedliche Formate wie Familienparties, einen Karaoke-Stand, Kochunterricht, Radiosendungen, Lesezimmer und Reisen in die Dunkelheit für eine Person. Quarantine arbeitet mit verschiedenen Konstellationen von Künstler*innen und Menschen, die vorher noch nie auf der Bühne standen, wie Philosoph*innen, Soldat*innen, Kindern, Florist*innen und Küchenchefs. Ihren Arbeiten geht eine intensive und einfühlsame Recherche voraus und zielt oft darauf, Begegnung zwischen Menschen zu schaffen, die sich zuvor nicht begegnet sind.

Interview mit Richard Gregory (Künstlerischer Kodirektor von Quarantine)

Wie würden Sie die Arbeitsweise von Quarantine beschreiben?

Wir verbringen in den ersten Phasen eines Projekts lange Zeit damit, uns anzuschauen und darüber nachzudenken, was in unserem eigenen Leben geschieht, was „vor unserer Haustür“ – direkt vor unseren Augen – geschieht und was in der übrigen Welt geschieht, um zu versuchen, die Verbindungen und Beziehungen zwischen diesen drei Sphären zu verstehen. Wir machen immer Arbeiten, die etwas aus unserer eigenen Erfahrung zum Ausdruck bringen. Es gibt in der Arbeit also einen Dialog zwischen Persönlichem und Öffentlichem. Und wir hinterfragen und testen ständig die Sprachen und Konventionen – vielleicht die vermeintlichen Beschränkungen – der Kunstform.

Unser Prozess ist dialogorientiert. Wir sprechen mit Menschen und entdecken, wer sie sind und was ihre Geschichte ist, was ihre Überzeugungen sind, wie sie die Welt sehen... Dies schließt Mitarbeiter*innen aller Art – Kreativteams, Produzenten, Techniker usw. – ein, sowie die Menschen, die Teil der Performance oder Thema der Arbeit sind. Wir interessieren uns dafür, wie sich dies in der Form der Arbeit äußert. Der Dialog ist also nicht nur ein immanenter Bestandteil des Prozesses, sondern gehört oft auch zur Präsentation der Arbeit. Die Arbeit von Quarantine kann die Grenzen zwischen Publikum und Interpret verwischen und gleichzeitig einen starken Sinn für den Kontext bewahren – die Tatsache, dass dies ein Kunstwerk ist, das in der Öffentlichkeit stattfindet.

Es gibt Dinge, die wir manchmal sagen, um zu erklären, was wir tun:

Wir beginnen mit den Leuten im Raum.

Wir versuchen, die Bedingungen für ein Gespräch zwischen Fremden zu schaffen.

Wir spielen gerne mit offenen Karten – um in der Arbeit zu zeigen, wie sie entstanden ist.

Wir schließen mit den Leuten im Raum.

Quarantine initiiert viele Projekte im öffentlichen Raum mit Menschen, die keine professionellen oder ausgebildeten Schauspieler sind. Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit wichtig?

Es ist eine Mischung aus ästhetischen Vorlieben und politischem Imperativ.

Ich mag es, in der Kunst menschliche Schwächen und Widersprüche zu erkennen – ich interessiere mich genauso für das Banale und Alltägliche wie für das Außergewöhnliche und Virtuose. Clevere Darbietungen, die Ungeschicklichkeit und Verletzlichkeit leugnen oder vortäuschen, langweilen mich sehr. Ich beschäftige mich am meisten mit Kunst, die sich am Rande des Scheiterns bewegt. Sie durchbricht irgendwie eine Trennlinie und lässt mich die Zerbrechlichkeit erkennen, von der ich weiß, dass wir sie alle haben.

Hier besteht ein starker Zusammenhang zu dem, was wir tun. Meine Familie stammt aus der Arbeiterschicht; meine Eltern waren hochintelligent, hatten aber nur wenig Schuldbildung – beide haben die Schule im Alter von 14 Jahren verlassen. Ich bin von Jacques Rancières Gedanken zur Gleichwertigkeit von Intelligenz fasziniert. Ich mag es, in Situationen zu sein, in denen verschiedene Arten von Intelligenz zur Geltung kommen und gleichwertig sind. Ich fühle mich sehr unwohl, wenn eine bestimmte Sprache, die sogenanntes Wissen ausdrückt, dominiert – ein sehr westliches Machtspiel, bei dem der Zugang zu einem besonderen Vokabular, zu einer bestimmten Hierarchie des Ausdrucks, Macht erkauft. Es ist dogmatisch. Es tritt im britischen Klassensystem eingeschränkt auf, kann aber auch eine erstickende Präsenz des Würgegriffs der Bourgeoisie sein, dem die Kunst überall in Europa ausgesetzt ist. Die Tatsache, dass angeblich politisch fortschrittliche und formal mutige Kunst selten von Menschen erlebt wird, die wie die Menschen aussehen und klingen, die sie geschaffen haben, ist ein massives Problem.

Deshalb versuchen wir, dort zu arbeiten, wo Raum für die Koexistenz unterschiedlicher Erfahrungen, Fähigkeiten, Intelligenzen und Ausdrucksformen besteht. Es muss für das Publikum nicht einfach sein – tatsächlich kann es das gar nicht sein. Ich bin davon überzeugt, dass wir zur Erzielung eines echten sozialen Fortschritts neue Wege finden müssen, um unsere Vorstellungen von Demokratie neu zu gestalten, davon, wer sprechen und Entscheidungen treffen darf und wie Menschen mit entgegengesetzten Erfahrungen und Überzeugungen zusammengebracht werden können. Chantal Mouffes Überlegungen zum agonistischen Pluralismus haben uns beeindruckt – ich denke, dass die Arbeit von Quarantine von Anfang an versucht hat, Menschen zusammenzubringen, die sich normalerweise nicht treffen, Unterschiede und Verbindungen anzuerkennen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sich vorzustellen, wie wir zusammenleben könnten, wie wir vorwärts gehen könnten.

Was hat Sie motiviert, ein Konzept für das Moving Borders-Projekt einzureichen?

Wir leben in einer Zeit, in der auf unterschiedlichste Weise neue Linien gezogen und alte ausradiert werden. Der Ruck nach rechts und zu indoktrinärer Politik: Putin, Trump, Bolsonaro, Erdogan, Orbán, unser eigener Johnson – die Liste ist unvollständig und erschreckend lang. Er wird mit Taktiken betrieben, die vorsätzlich Spaltung schüren und Nationalismus anfachen. Die Migrationskrisen und der Klimanotstand unterliegen der manipulativen, egomanen und realitätsleugnenden Rhetorik dieser „post-truth”-Politiker. Und das geschah, bevor wir dem Cocktail Covid-19 hinzugefügt haben. Es scheint, als ob wir Jean Baudrillards Ende der Geschichte erleben, in dem Angriffe allein auf die Idee des sozialen Fortschritts verschleiert werden.

Wir interessierten uns deshalb für ein Projekt, das diese Thematik europaweit mit der ihr gebührenden Bedeutung aufgriff und die Gelegenheit bot, mit Menschen aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen zusammenzuarbeiten und möglicherweise etwas Nützliches zu tun. Hoffnung überwindet alle Grenzen.

Was fasziniert Sie bisher und/oder in Zukunft am meisten am Prozess von Moving Borders?

Es ist immer wieder stimulierend, zu hören, wie die Partner auf unsere Provokation reagieren, für jede Stadt eine Arche zu schaffen. Ihre Konzepte sind unglaublich vielfältig – alle sind treffend und auf ihren lokalen Kontext zugeschnitten, alle finden Wege, sich mit Menschen, die normalerweise nicht zusammenkommen, zu verbinden und sie miteinander zu verbinden. Zu Beginn hatten wir uns vorgestellt, vielleicht selbst die Arche an die jeweiligen Orte zu schicken, aber durch den Dialog, den wir seit Anfang des Jahres mit Partnern und Interessenten vor Ort geführt haben, wurde klar, dass der Prozess der Mitgestaltung kreatives Handeln erforderte, das fest in den Händen lokaler Künstler, Experten, Aktivisten und anderer liegen sollte. Dies ist der richtige Weg für diese Arbeit.

Wie kamen Sie auf das Motiv einer Arche?

Es stammte von unserer Mitarbeiterin Kate Daley. Sie ist Künstlerin und Produzentin und gehört zum Ensemble von Quarantine. Ich glaube, es ist etwas, worüber sie vorher nachgedacht hatte – ein Bild eines realen oder metaphorischen Raums, in dem wir uns versammeln können, um die Frage zu erörtern, was wir retten sollen. Es bezieht sich natürlich auf die Arche in der Bibel und greift die Geschichte in der Genesis und mit Änderungen im Koran auf, in dem von der Arche als Safina Nūḥ (Arabisch: سفينة نوح‎ „Noahs Boot”) die Rede ist.

Eine Arche könnte ein Symbol für Rettung sein. Eine Arche ist allerdings auch etwas Ausschließendes: Wer entscheidet, wer oder was gerettet werden soll? Dies wird zurzeit in Bezug auf die EU-Außengrenzen mehr als deutlich.

Ja – es ist natürlich ein Konzept, das provoziert. Wer entscheidet, welche Grenzen gezogen werden sollen? Wer entscheidet, wer durchgelassen wird, wer bleiben kann? Wer entscheidet, wen oder was wir retten sollen? Wer ist dies „Wir“?

Wir hoffen, dass dies eine Arbeit ist, die Voraussetzungen für die Zusammenkunft von Menschen schafft, die einen Kontext für Debatten bildet, die Menschen zusammenbringen, die sich normalerweise nicht begegnen, um über diese Fragen zu sprechen, die uns alle – auf sehr unterschiedliche Weise – betreffen.

Quarantine entwickelt transnational im gesamten Projekt Möglichkeiten für jede Stadt, um mit den anderen Städten zu sprechen Wir haben uns von der Idee des Ballastes inspirieren lassen – dem schweren Material, das auf Schiffen eingesetzt wird, um ihnen Stabilität zu verleihen und das zurückbleibt, wenn am Zielort neue Fracht geladen wird. Städte sind aus Ballast gewachsen. Wir schaffen einen fiktiven Ballast, der von Straßburg nach Athen, nach Utrecht, nach Dresden, nach Mülheim, nach Porto, nach Warschau transportiert wird – einen kumulativen, zweifellos umstrittenen interkulturellen Text, der auf diese Frage antwortet:

Was sollen wir retten?

Sie sind als britisches Theaterensemble an einem EU-Projekt beteiligt. Wie stehen Sie dazu?

Für uns und andere britische Künstler ist es absolut unverzichtbar, – und wichtiger denn je – Beziehungen zu Europa zu schaffen und zu bewahren. Wir alle kennen diese beängstigenden und gefährlichen nationalistischen Tendenzen. Ich möchte nicht auf einer Insel mit starren Grenzen gefangen sein, die in einer imaginären Version ihrer eigenen Vergangenheit lebt. Ich möchte Menschen willkommen heißen und weiterhin in der Lage sein, Teil des großen Gesprächs zu sein, das mir die Arbeit als Künstler in ganz Europa und auf der ganzen Welt ermöglicht. Ich möchte helfen, Wege für eine Generation zu finden, die jünger ist als ich, damit auch sie in den Genuss dieser Erfahrung, dieses Privilegs kommen kann. Dieses Privileg wird von Brexit und COVID in Frage gestellt, aber wenn es eine Sache gibt, in der Künstler gut sind, dann ist es die, sich Lösungen für schwierige Situationen auszudenken und sie zu testen...

Wenn Sie sich etwas in Bezug auf Moving Borders und die Arche wünschen könnten – für sich selbst, die Teilnehmer usw. – was wäre das?

Für alle von uns: Neue und dauerhafte Beziehungen einzugehen, die uns in Denk- und Lebensweisen einführen, denen wir vorher vielleicht noch nicht begegnet sind, und die uns helfen können, das Leben anderer besser zu verstehen, unsere Privilegien und unsere Unterschiede anzuerkennen und unsere Ähnlichkeiten zu bemerken. Gemeinsam etwas zu tun, das eine echten, langfristigen Wandel der Art und Weise bewirken könnte, wie wir uns an dem Ort, an dem wir leben, mit anderen zusammenfinden. Unerwartete Freundschaften, Kooperationen und Verbundenheiten einzugehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man diese Art von Wandel oft nur nachträglich im zeitlichen Abstand erkennt. Lassen Sie uns zusammen die Karte neu zeichnen und einige Grenzen verschieben.

Über Moving Borders

Moving Borders entstand aus der Begegnung und intensiven Diskussion über gemeinsame Fragen, Themen und Ziele der sieben künstlerischen Partnerinstitutionen. Insbesondere die Länder übergreifenden dringlichen europäischen Themen, bearbeitet in einem partnerschaftlichen Netzwerk und deren Umsetzung vor Ort, macht den Reiz dieses Projektes aus und stellt eine unmittelbare Verbindung der europäischen Regionen auf künstlerischer und gesellschaftlicher Ebene her.

Moving Borders wird mit 200.000 € aus dem Europäischen Förderprogramm Creative Europe – Culture Sub-programme (2014-2020) der Europäischen Union finanziert.

Projektpartner sind

  • MAILLON, théâtre de Strasbourg, scène européenne (FR)
  • Ringlokschuppen Ruhr (DE)
  • SPRING Performing Arts Festival (NL)
  • Teatro Municipal Do Porto (P)
  • Onassis STEGI (GR)
  • Fundacja Instytut Sztuk Performatywnych (PL).

Ein Überblick über das Projekt und seine Entwicklung ist unter www.movingborders.org zu finden.

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